Gängige Vorbehalte gegen eine Therapie

Bevor ein erstes beratendes Gespräch gesucht oder mit einer Therapie begonnen wird, gibt es bei Betroffenen und ihren Angehörigen häufig zahlreiche Bedenken, die nicht selten entscheidende Schritte verhindern. Im Folgenden ist eine Reihe von Bedenken aufgeführt, die betroffene Jugendliche häufig äußern, und mögliche Antworten darauf:

„Eine Beratung? Eine Therapie? Wer führt das durch und wer bezahlt das?"

Psychologischer oder ärztlicher Psychotherapeut

Das Erstgespräch in einer (ärztlichen) psychotherapeutischen Praxis ist meistens kostenlos und ohne eine Überweisung möglich. Besteht danach der Wunsch, eine Therapie zu beginnen, stellt der Therapeut einen Antrag bei der Krankenkasse. Hierfür ist dann eine Überweisung vom Hausarzt erforderlich. Therapeuten, die kassenärztlich abrechnen, erhalten für ihre Behandlung Geld von der Krankenkasse der betroffenen Person. Die betroffene Person muss nichts von ihrem eigenen Geld dazuzahlen. Ob ein Therapeut kassenärztlich abrechnet, erfährt man über seine Internetseite oder einen Anruf bei der Praxis.

Psychiater

Bei Psychiatern handelt es sich um Mediziner, die darauf spezialisiert sind, schwere psychische Erkrankungen medikamentös zu behandeln. Manche Psychiater bieten aber auch psychotherapeutische Verfahren wie psychologische oder ärztliche Psychotherapie an. Bei einer exzessiven Nutzung digitaler Spiele ist nicht zwingend eine Medikation notwendig. Sind die Begleitprobleme jedoch so schwerwiegend, dass sie durch psychotherapeutische Gespräche allein nicht gelindert werden können, kann die zusätzliche Einnahme von Medikamenten für den Weg der Besserung sehr hilfreich sein. Die Behandlung des Psychiaters wird ebenfalls meistens von der Krankenkasse übernommen. Nach dem Erstgespräch ist eine Überweisung notwendig.

Psychosoziale Beratung

Nicht nur Psychotherapeuten und Psychiater, sondern auch psychosoziale Beratungsstellen (z.B. Familien-, Lebens- oder Suchtberatungsstellen) können auf dem Weg aus der Sucht unterstützend tätig sein. Hier arbeiten Berater aus verschiedenen Berufsgruppen wie z.B. Sozialarbeiter, Pädagogen und Psychotherapeuten. In der Regel ist eine Beratung kostenlos. Eine Überweisung oder ein Antrag bei der Krankenkasse sind hier nicht nötig.

„Andere sitzen doch auch stundenlang am Computer/am Smartphone/an der Konsole. Ich muss nur einfach weniger spielen/chatten.“

Das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Verhalten zu verlieren, macht Angst. Und wegen der eigenen Gaming- oder Social Media-Nutzung auch noch zu einem Therapeuten oder Arzt zu gehen ist peinlich. Viele Betroffene versuchen deshalb sich selbst und Angehörigen einzureden, dass sie alles im Griff haben und keine Hilfe brauchen.

„Was soll ich denn in der Beratungsstelle oder beim Therapeuten sagen, das versteht doch eh keiner, die kennen sich damit nicht aus!“

Suchtberater und Therapeuten kennen sich auf jeden Fall damit aus, zuzuhören, Probleme zu erfassen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Ein weiterer Vorteil von Beratung/ Therapie ist die grundsätzliche Schweigepflicht. Was auch immer dort besprochen wird, gelangt nicht nach draußen zu anderen Menschen.

„Ich bin doch nicht so wie ein Alkoholiker.“

Über Suchterkrankungen gibt es viele Vorurteile, die sich jedoch rasch verändern, wenn man sich mit dem Thema (Internet-)Sucht beschäftigt. Professionelle Helfer haben ein umfassendes Verständnis für Suchterkrankungen und vermitteln dieses den Betroffenen und Angehörigen.

„Darf ich dann nie wieder an den Computer/ das Smartphone/die Konsole?“

Man kennt das von Drogen- oder Alkoholabhängigen, dass sie vollständig aufhören müssen, zu konsumieren (=Abstinenz). Das schürt Angst, da das Internet einen sehr großen Teil des Lebens über einen längeren Zeitraum eingenommen hat. Letztlich entscheidet immer der/die Betroffene selbst wie viel Zeit er/sie zukünftig im Internet oder am Computer verbringen will (unter Umständen ist ein Verzicht auf die Nutzung spezifischer Anwendungen, beispielsweise bestimmter Computerspiele ausreichend). Eine vollständige Internet-, Computer- und Smartphone-Abstinenz ist heutzutage (auch in Schule, Ausbildung und Beruf) nicht mehr vorstellbar. Aber im Ampelmodell hat der/die betroffene Jugendliche ja sicher auch schon gesehen, dass unterschiedliche Internetanwendungen ein starkes oder eher geringes Suchtpotenzial haben.

Probieren geht über Studieren

Das Ziel einer professionellen Beratung ist, dass der Aufenthalt in der virtuellen Welt wieder zu dem wird, was er anfänglich war, nämlich eine Ergänzung und Bereicherung des realen Lebens und nicht dessen Ersatz.

An dieser Veränderung haben fast alle Menschen, die zu einer Beratung wegen eines übermäßigen Gaming- und Social Media-Gebrauchs kommen, ein großes Interesse. Vermutlich ist dieser Wunsch bei vielen betroffenen Jugendlichen, die noch bei keiner Beratung waren, ebenfalls vorhanden. Wer sich nach einer ersten Beratung entschließt, weitere Gesprächstermine oder Gruppenangebote in Anspruch zu nehmen oder eine ambulante oder stationäre Therapie zu machen, findet bei der Beraterin bzw. dem Berater professionelle Unterstützung und Begleitung auf diesem Weg.

Wer sich gegen weitere Hilfe entscheidet, hat eine Stunde seines Lebens investiert, die aber nicht verloren ist. Es ist immer sinnvoll, die Wege und Möglichkeiten zu kennen, die sich einem eröffnen, wenn man eine Veränderung anstrebt. Das gilt auch, wenn zum aktuellen Zeitpunkt noch keine ausreichende Motivation vorliegt, diese Veränderung schon umzusetzen. Zu wissen, dass man sich mit dem Gang zu einer Beratungsstelle nicht zu weiteren Maßnahmen verpflichtet, kann häufig ein hilfreiches Argument sein, um Betroffene dazu zu motivieren, eine Beratung auszuprobieren.

Noch ein Tipp

Generell ist für Betroffene das Denken in kurzen Zeitabschnitten hilfreich. Es ist besser, sich mit dem/der Betroffenen Gedanken zu machen, ob es nicht möglich wäre, heute den Gebrauch des Internets zu reduzieren, um beispielsweise zu einer Beratung zu gehen. Nicht sinnvoll ist die vorzeitige Beschäftigung mit der Frage, ob man auf das Online-Rollenspiel oder das soziale Medium, mit dem man am meisten Zeit verbracht hat, für den Rest seines Lebens verzichten kann.